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Begegnung im Baskenland

Eine deutsch-spanische Begegnung zu einem schwierigen Thema:
Wie können Pfadfinderinnen und Pfadfinder praktische Friedensarbeit leisten.
Im November 2005 ist eine Delegation der DPSG, darunter auch vier Mitglieder vom Stamm Hamm-Berge, nach Spanien gereist um sich von der Problematik des Baskenlandes ein Bild zu machen.
Hier könnt ihr den Artikel aus der Zeitschrift der Leiter "Entwürfe" dazu lesen.

Pfadfinder leisten praktische Friedensarbeit

Enge Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland bestanden bereits im Mittelalter, der gemeinsame Habsburger Kaiser und König, Karl V., beweist es. Doch auch zwischen der DPSG und dem spanischen katholischen Pfadfinderverband MSC (Movimiento Scout Católico) existiert eine gute Partnerschaft mit mittlerweile langer Geschichte.

Diese begann 1975, kurz nach dem Ende der Franco-Diktatur. Der MSC wurde offiziell 1961 gegründet, mit einem damals noch ausgeprägten Übergewicht der baskischen und katalanischen Gruppierungen. Heute hat sich der MSC zu einem nationalen Dachverband mit Sitz in Barcelona und etwa 37.000 Mitgliedern entwickelt.
Einfach ist die Arbeit aber gerade in der alten Kernregion, Baskenland, nicht. Darum lud der MSC seine deutschen Partner zu einem dreitätigen deutsch-spanischen Seminar, an dem auf deutscher Seite der Auslandsbeauftragte, Mitglieder des internationalen Arbeitskreises und Leiter des Hamm-Berger Stammes teilnahmen, genau dorthin ein. Die Gäste sollten weniger die touristischen Aspekte dieses wunderschönen Landesteils beschäftigen. Ziel des Austausches war vielmehr der Blick auf das, was einen katholischen Pfadfinderverband in einem politisch bewegten Winkel Europas beschäftigt.
Fast reflexartig denkt auch der Nichtspanier beim Wort „Baskenland“ sofort an die „ETA (Euskadi Ta Askatasuna = Baskenland und Freiheit). Die ETA ist eine 1959, noch unter der Diktatur Francos gegründete Organisation, die mit terroristischen Mitteln die nabhängigkeit des Baskenlandes erzwingen will. Die ETA hat bis heute als Ziel die Schaffung eines Baskenlandes unter Einbeziehung der autonomen Region Navarra und des französischen Pays basque-Béarn. So hat sich die Politik des heutigen Baskenlandes nicht nur mit der Frage nach Gewalt und Frieden auseinanderzusetzen. Die öffentliche Debatte wird durch die Vision eines größeren, von Spanien unabhängigen, allenfalls assoziierten Staates bestimmt. Diese Vision wird allerdings, wie die Wahlen im Herbst 2005 zeigten, nur von einer knappen Mehrheit der Wähler geteilt. Das Baskenland besitzt heute bereits eine weit gehende Autonomie. Es gibt eine eigene Polizei. Das Baskische ist als Schulsprache gleichberechtigt neben dem Spanischen. Wer in den öffentlichen Dienst gehen will, muss vorher eine Sprachprüfung in Baskisch absolvieren. Es gibt baskische Radio- und Fernsehprogramme.
Warum dies alles ein deutsch-spanisches Pfadfinderseminar beschäftigt? Nun, obwohl parteipolitisch unabhängig, kann der baskische Pfadfinderverband nicht die Augen verschließen vor der brisanten politischen und gesellschaftlichen Realität, mit der sich auch die Familien der Mitglieder, vom Wölfling bis hin zum Leiter, Tag für Tag auseinanderzusetzen haben. Dies wurde uns schon am ersten Tag unserer Begegnung deutlich. Minerva, eine ehemalige Pfadfinderin aus dem radikal-baskischen „Abertzale“-Milieu erzählte von ihrem Vetter, der zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden war, nachdem er versucht hatte, Sendemasten zu sprengen. Er sitzt nun in einem Gefängnis in Südspanien. Wie er, so werden viele zum ETA-Umfeld gehörende Basken dezentral auf die Gefängnisse des ganzen Landes verteilt. Dies wiederum wird von der Mehrheit der im baskischen Parlament vertretenen Parteien als Menschenrechtsverletzung angeprangert. Wie Minerva, so engagieren sich seit 1992 viele ehemalige Pfadfinder bei Elkarri, einem Verein, der sich für einen dauerhaften Frieden im Baskenland einsetzt und den gewaltlosen Dialog zwischen den verschiedenen politischen Parteien sucht. Genau am Wochenende des deutsch-spanischen Seminars hatte sich Elkarri aufgelöst, um andere verbandliche Strukturen in der hoch politisierten baskischen Gesellschaft zu stärken. Auf dem Weg zum Frieden war es gelungen, alle Parteien und Gruppen bis auf die immer noch widerständigen Konservativen des Partido Popular, der die Einheit des spanischen Staates bedroht sieht, miteinander ins Gespräch zu bringen.
Uns Deutschen war vor der Reise kaum die Lage der baskischen und gesamtspanischen Politik bewusst. In gerade einmal zwei Tagen war es unseren Gastgebern gelungen, uns ein wenig davon spüren zu lassen. Wir erlebten im Euskalerriko Eskautak, dem baskischen Teil des MSC, eine Pfadfinderorganisation, die sich als Kinder- und Jugendverband zwar nicht direkt in das tagespolitische Geschehen einmischen kann. Dies bleibt den Ehemaligen vorbehalten. Dennoch hat es der Verband bis heute geschafft, Kinder, Jugendliche und Leiter trotz aller unterschiedlichen, wenn nicht sogar vollkommen gegensätzlichen gesellschafts- und parteipolitischen Interessen zu gemeinsamem Tun anzuleiten und Pfadfinderarbeit nicht nur theoretisch als Friedensarbeit zu begreifen.
Wir haben im November ein Baskenland erlebt, in dem der harte Block der Separatisten trotz allem Gesprächspartner in Madrid findet und in dem auch die Politiker und Intellektuellen, die das Baskenland weiterhin als integralen Bestandteil des spanischen Staates ansehen, sich wieder ohne Leibwächter auf die Straße trauen können.

WERNER FRIESE
INTERNATIONALER AK